Drei Personen sitzen zu einer Besprechung draußen an einem Tisch , in dessen Mitte ein aufgeklappter Laptop steht.

10.09.2026 | Leonie Dziomba ist Kognitionswissenschaftlerin in der Arbeitsgruppe Transformation durch Transdiziplinarität. Sie promoviert zur Wissensvermittlung in den Meereswissenschaften. In ihrer Dissertation untersucht sie anhand des Themas Plankton, wie sich Interaktionen zwischen Wissenschaft und gesellschaftlichen Akteuren durch technologische Vermittlungsprozesse und gemeinsame Referenzobjekte gestalten lassen – und welchen Einfluss dies auf kollektive Lern- und Erkenntnisprozesse hat. In einer neuen Studie geht sie der Frage nach, wie Karten, Modelle, Diagramme oder Forschungsinstrumente unserem Denken und unser Miteinander beeinflussen.

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Was war die Ausgangsfrage Deiner Arbeit?
Wenn Forschende verschiedener Disziplinen untereinander oder mit Menschen außerhalb der Meeresforschung kommunizieren und zusammenarbeiten, bleibt dieser Austausch selten rein sprachlich. Oft dreht er sich um gemeinsame Objekte, z.B. um Karten, Modelle, Diagramme oder Messgeräte. Meine Ausgangsfrage war: Was machen diese Gegenstände mit unserem Denken und unserem Miteinander? Und wie können wir eine gezielte Reflexion über unseren Umgang mit gemeinsamen Objekten nutzen, um Wissensaustausch und Zusammenarbeit im Bereich der Meeresforschung inklusiver zu gestalten?

Wie bist Du vorgegangen? Was hast Du untersucht und mit welchen Methoden?
Ich habe bestehende Theorien aus der Wissenschaftsforschung und der Kognitionswissenschaft zusammengeführt und auf die Meeresforschung übertragen. Die Kernidee: Gemeinsame Gegenstände wirken zugleich kognitiv (sie entlasten das Denken) und sozial (sie strukturieren die Zusammenarbeit).

Was sind Deine neuen Erkenntnisse?

  • Solche geteilten Gegenstände funktionieren, weil verschiedene Gruppen sie nutzen können, ohne sich darüber einig zu sein, was sie bedeuten. In der Meereswissenschaft zeigt sich das zum Beispiel darin, dass eine Karte mariner Lebensräume für eine Ökologin ein Werkzeug zur Erfassung von Artenvielfalt darstellt, während eine Behörde ein Planungsinstrument darin sieht und eine Fischerin eine Frage von Zugang und Lebensgrundlage. Diese Mehrdeutigkeit macht die Zusammenarbeit verschiedener Gruppen oft erst möglich.

  • Geteilte Objekte wirken auf zwei Ebenen gleichzeitig. Zum einen entlasten sie das Denken: Statt alles im Kopf behalten zu müssen, kann man auf etwas zeigen, es anpassen, gemeinsam darauf schauen. Zum anderen ordnen sie das Miteinander. Sie geben der Diskussion einen gemeinsamen Bezugspunkt, an dem sich Unterschiede aufzeigen und eventuell verhandeln lassen.

  • Diese Gegenstände sind nicht neutral. Sie machen bestimmte Dinge sichtbar und andere leicht übersehbar. Wenn eine Karte nur ökologische Zonen zeigt, drohen saisonale Fischereimuster oder kulturell wichtige Orte aus dem gemeinsamen Bewusstsein zu verschwinden.

  • Konkret herausgekommen sind zwei Dinge: eine Sprache für etwas, das viele Forschende in der Meeresforschung tun, ohne es zu benennen, und ein Satz konkreter Reflexionsfragen für die eigene Praxis mit geteilten Objekten.

Welche Schlussfolgerungen lassen sich daraus ziehen?

Die Analyse zeigt, dass es sich lohnt, bewusster mit diesen Gegenständen umzugehen. Zu verstehen, wie sie wirken, macht die Arbeit mit ihnen auch hinterfragbar. Kann der Gegenstand noch verändert werden, oder steht er schon fest? Können alle Beteiligten ihn tatsächlich verstehen und nutzen? Und wie wird ihm institutionell Gewicht gegeben?

Fragen nach Zugang, Teilhabe und Macht sind abstrakt schwer zu diskutieren. Sie werden aber sehr konkret, wenn man fragt: Wer kann diese Karte eigentlich lesen? Wer darf sie verändern? Die Auseinandersetzung mit gemeinsam genutzten Gegenständen ist ein niedrigschwelliger Einstieg in Fragen, an die man im Forschungsalltag sonst schwer herankommt.

Für Nachwuchswissenschaftler:innen ist das besonders interessant, weil sie viel mit Gegenständen arbeiten, aber oft wenig Einfluss auf die großen Weichenstellungen in einem Projekt haben. Über die Gestaltung von Karten, Modellen oder Diagrammen können sie mitgestalten; nur wird das selten so wahrgenommen. Eine Sprache dafür zu haben hilft, diese Arbeit zu benennen und ihren Wert sichtbar zu machen.

Was können Auswirkungen auf Ökosysteme, Menschen oder Tiere sein?

Die Wirkung ist indirekt: Solche Gegenstände beeinflussen, welche Handlungsoptionen, z.B. im Küstenmanagement, überhaupt in Betracht gezogen werden. Wenn ein Indikator oder eine Karte bestimmte Nutzungsformen nicht abbildet, tauchen sie in der Diskussion und damit oft auch in den Entscheidungen nicht auf. Wer mitgestaltet, welche Gegenstände wie genutzt werden, bestimmt also mit, was am Ende geschützt oder verwaltet wird.

Warum sind die Ergebnisse gesellschaftsrelevant?

Weil gemeinsame Gegenstände oft eine große Rolle spielen, wenn Akteure außerhalb der Wissenschaft an Forschung mitwirken, etwa in Citizen-Science-Projekten oder wenn Forschende mit lokalen Akteuren zusammenarbeiten, zum Beispiel mit Fischer*innen, Behörden oder einer Küstenregion. Ein gut gewählter und passend eingeführter geteilter Gegenstand kann Hürden abbauen, sich mit wissenschaftlichen Inhalten zu beschäftigen und sich einzubringen.

Was sind die nächsten Pläne in Bezug auf die Ergebnisse?

Das Paper ist Teil meiner Dissertation. Dort untersuche ich empirisch, wie solche Prozesse ablaufen, am Beispiel des PlanktoScope; eines Geräts zur Aufnahme von Planktonbildern, das von unterschiedlichen Akteursgruppen genutzt wird. Je nachdem, wer damit arbeitet, kann es sehr Unterschiedliches sein: ein Forschungsinstrument für ganz konkrete wissenschaftliche Fragen, ein Monitoring-Werkzeug, um z.B. klimabedingte Veränderungen in Planktongemeinschaften über Längere Zeiträume zu beobachten, ein Einstieg ins Thema für Schulklassen oder auch ein Zugang zur Meeresforschung für Freiwillige, die auf eigenen Booten Proben nehmen.

Publikation:
Dziomba, L (2026). How To Do Things With Objects: Boundary Objects in Inter- and Transdisciplinary Marine Research. Ocean and Society, 3, Article 12761. https://doi.org/10.17645/oas.12761