Eine Referentin spricht lächelnd hinter einem Rednerpult in zwei Mikrofone.
Dr. Marion Glaser wurde mit der Special Session "Transforming Coasts via Participatory Pathways to Sustainability and Equity" bei der ECSA61 gewürdigt. | Foto: Gabriela Garcia, ZMT

ECSA 61: Küstenforschung im Dialog mit Politik und Praxis

Die diesjährige Konferenz der „Estuarine & Coastal Sciences Association“ - ECSA 61 -brachte Meeres- und Küstenforschende, Umweltmanager sowie internationale Entscheidungsträger in Brüssel zusammen. Im Mittelpunkt standen der Wissensaustausch und zentrale Fragestellungen der Meeres- und Küstenforschung sowie des Schutzes der biologischen Vielfalt.

Das Konferenzprogramm umfasste Fachsessions und Workshops zu wichtigen Forschungsthemen wie Küstendynamik und Biodiversität, Klima und Biogeochemie. Darüber hinaus wurden fortschrittliche, integrierte Ansätze und Managementstrategien vorgestellt, darunter Toolboxes und Instrumente zur Entscheidungsunterstützung. Sie sollen Verantwortliche im Management dabei unterstützen, komplexe und sich gegenseitig verstärkende Herausforderungen in Küsten- und Meeresgebieten bei Planung und Umsetzung wirksamer zu bewältigen.

Premiere des Science-Policy Day bei der ECSA 61

Den Abschluss der ECSA 61 bildete ein eigens ausgerichteter Science-Policy Day. Er brachte Akteur zusammen, die Wissen erzeugen, vermitteln und nutzen, und bot Raum für einen vertieften Austausch darüber, wie wissenschaftliche Erkenntnisse besser in politische Debatten und Entscheidungsprozesse einfließen können.

Die Diskussionen machten deutlich, dass weiterhin institutionelle Hürden bestehen. Gleichzeitig herrschte unter den Fachleuten weitgehend Einigkeit darüber, dass im Management und Schutz der Meere dringend Fortschritte erforderlich sind – insbesondere bei der Übersetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse für unterschiedliche Zielgruppen sowie bei der institutionellen Unterstützung.

Um die bestehende Lücke zwischen Wissenschaft, Politik und Umsetzung zu schließen, reicht bessere Kommunikation allein nicht aus. Notwendig sind vielmehr starke und kompetente Behörden, eine durchdachte und vorausschauende Umsetzung sowie eine wirksame Durchsetzung von Maßnahmen zum Schutz sozialer und ökologischer Standards. Ebenso wichtig sind Feedbackprozesse, die kontinuierliches gegenseitiges Lernen und Anpassungen ermöglichen. Maßnahmen müssen zudem politisch so gestaltet sein, dass sie nicht nur umgesetzt, sondern auch langfristig aufrechterhalten werden können.

Wichtige Denkanstöße und Erkenntnisse für das ZMT sind daher:

Sarah Zwicker, Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Programmbereich Küstenressourcen und Programmbereich Küstentransformation:
„Ich fand es sehr begrüßenswert, dass die ECSA in diesem Jahr mit der erstmaligen Einführung eines Science-Policy Day einen Schritt weitergegangen ist. Er hat uns daran erinnert, dass wir als Meeresforschende zwar häufig darüber sprechen, dass politische Entscheidungsträger mehr Ocean Literacy benötigen – zugleich brauchen aber auch wir Forschenden mehr Policy Literacy. Wir müssen besser verstehen, wie politische Entscheidungsprozesse funktionieren, was politische Entscheidungsträger tatsächlich benötigen und wie wir unsere Forschung für sie und letztlich für die Gesellschaften, für die wir arbeiten, nutzbar machen können.“

Désirée Schwindenhammer, Managerin, Programmbereich Küstentransformation:
„Während der gesamten Konferenz betonten verschiedene Redner und Vortragende die Bedeutung von Mitgefühl, Legitimität und sozialer Gerechtigkeit für eine transformative und inklusive Wissenschaft. Noch immer beschäftigt mich die Aussage von Samiya Selim: ‚Bottom-up braucht eine Brücke, nicht nur eine Stimme.‘ Wie können wir als Wissenschaftler diese Brücke bauen – oder vielleicht selbst diese Brücke sein? Wie können wir Beratungsgremien so gestalten, dass sie Prozesse unterstützen, anstatt Vorgaben zu machen? Und wie können wir unsere besondere Position an der Schnittstelle von Wissenschaft, Politik und Gesellschaft nutzen, um integrative Wissensplattformen zu schaffen, auf denen politische Entscheidungsträger und Bürger miteinander in Kontakt treten, sich austauschen und voneinander lernen können? Diese Überlegungen erhielten während des Science-Policy Day nur wenig Aufmerksamkeit. Ich bin jedoch optimistisch, dass wir diese Debatte bei der nächsten ECSA fortsetzen und erweitern können.“

Gabriela Garcia, Koordinatorin des Office for Knowledge Exchange (OKE):
„Wenn ich auf den letzten Konferenztag und den gezielten Austausch zwischen Wissenschaft und Politik im europäischen Kontext zurückblicke, bleibt für mich eine Erkenntnis besonders deutlich: Trotz einer Fülle wissenschaftlicher Erkenntnisse bestehen weiterhin Hindernisse bei deren Aufnahme und Umsetzung. Der Schutz und die Wiederherstellung der Ozeane kommen derzeit nicht in dem erforderlichen Maße voran. Für das ZMT ergibt sich aus dieser Diskrepanz ein klarer Handlungsauftrag. Politische Prozesse in den Tropen finden häufig vor dem Hintergrund sehr unterschiedlicher regionaler und nationaler Dynamiken statt. Bestehende Wissenslücken und fehlende finanzielle Mittel verschärfen diese Situation zusätzlich. Umso wichtiger ist es, gezielte und gerechte Kooperationen und Partnerschaften zu stärken. Nur gemeinsam können wir wissenschaftliche Initiativen voranbringen, die zu einem wirkungsvollen und dauerhaften Schutz sowohl der Menschen als auch der natürlichen Systeme beitragen.“

Yuni Setyaningsih, Doktorandin, Arbeitsgruppe Deliberation, Valuation and Sustainability: „Ich habe es sehr geschätzt, dass die ECSA eine wertvolle Gelegenheit bot, sich länder- und kontextübergreifend über Küsten- und Ästuarforschung auszutauschen und zugleich die Herausforderungen bei der Übertragung von ‚Best Practices‘ auf unterschiedliche Kontexte zu thematisieren. Der Science-Policy Day verdeutlichte die weiterhin bestehende Lücke zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen, Politik und Umsetzung. Angesichts der internationalen Beteiligung an der ECSA könnten die Diskussionen jedoch noch stärker globale Perspektiven einbeziehen, insbesondere aus tropischen und anderen außereuropäischen Regionen. Auch die Sessions für Early-Career-Forschende und die Networking-Angebote boten sehr hilfreiche Räume für den Austausch über Länder- und Fachgrenzen hinweg.“


Eindrücke von der ECSA61