Schiffsrecycling in Bremerhaven: Von der Forschung zur maritimen Kreislaufwirtschaft
Auf der Lloyd Werft in Bremerhaven werden jetzt Schiffe recycelt – in der erst zweiten Anlage dieser Art in Deutschland. Das Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT) begrüßt die Entwicklung als wichtigen Schritt hin zu einer nachhaltigeren maritimen Kreislaufwirtschaft und als Beispiel dafür, wie Forschung konkrete Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft anstoßen kann. Bereits 2023 hatte eine ZMT-Studie das große Potenzial für umweltgerechtes Schiffsrecycling in Bremen und Deutschland aufgezeigt.
Seit September 2026 können auf der Lloyd Werft in Bremerhaven auch Schiffe recycelt werden. Nach einer ersten Anlage in Emden ist es erst der zweite Standort dieser Art in Deutschland. Die Rückgewinnung von Stahl und anderen Wertstoffen aus ausgedienten Schiffen kann Arbeitsplätze schaffen, technologische Innovationen fördern und Sekundärrohstoffe für Industrien liefern, die ihren CO₂-Fußabdruck reduzieren wollen.
Für das ZMT hat diese Entwicklung auch eine wichtige internationale Dimension. Ein großer Teil der ausgedienten Schiffe weltweit wird bislang in Südasien abgewrackt, insbesondere in Bangladesch, Indien und Pakistan. Dabei bestehen zum Teil erhebliche Risiken für Beschäftigte und Umwelt. Der Aufbau sicherer und umweltgerechter Recyclingkapazitäten in Europa kann dazu beitragen, höhere Standards zu etablieren und gleichzeitig den Druck auf empfindliche Küstenökosysteme in den Tropen zu verringern.
ZMT-Studie gab 2023 wichtige Impulse
Das ZMT beschäftigt sich bereits seit mehreren Jahren mit dem Thema. Bereits im Jahr 2022 regte ein Gastkommentar von Raimund Bleischwitz im Bremer Weser-Kurier die Diskussion um Schiffsrecycling im Land Bremen an. Daraufhin erarbeitete ein Team unter Leitung von Prof. Dr. Raimund Bleischwitz, Experte für Kreislaufwirtschaft am ZMT gemeinsam mit Dr. Michael Kriegl und Jannik Höller eine Potenzialanalyse zum Schiffsrecycling im Land Bremen. Die im Auftrag der Bremer Wissenschafts-, Häfen- und Wirtschaftsressorts entstandene Studie untersuchte Chancen und Hemmnisse für den Aufbau eines umweltgerechten Schiffsrecyclings in Deutschland. Sie wurde im November 2023 auf einer Fachtagung für das Maritime Cluster Norddeutschland (MCN) vorgestellt.
Die Analyse zeigte unter anderem das große Potenzial von Stahlschrott aus ausgedienten Fracht- und Passagierschiffen. Ab 2033 könnten der Studie zufolge weltweit jährlich mehr als 20 Millionen Tonnen Stahlschrott aus dem Schiffsrecycling anfallen. Gleichzeitig steigt der Bedarf an Recyclingstahl, wenn die Stahlindustrie auf klimafreundlichere Produktionsverfahren umstellt. Bremen bietet mit seiner Schiffbaukompetenz und industriellen Infrastruktur gute Voraussetzungen, maritime Wirtschaft und Stahlkreisläufe miteinander zu verbinden. Zudem wurde eine fachwissenschaftliche Veröffentlichung erstellt.
Von der Forschung über Netzwerke in die Umsetzung
Aus der Debatte um nachhaltiges Schiffsrecycling sind inzwischen konkrete Kooperationen entstanden. Im ZIM-Innovationsnetzwerk ShipRec arbeiten Akteure an neuen Technologien und Verfahren für ein nachhaltiges Schiffsrecycling. Im Fokus stehen unter anderem innovative Trennverfahren, Automatisierung und Digitalisierung, Demontage-Management sowie Prozessplanung und Abfallmanagement. Ziel ist es, Lösungen entlang der gesamten Recyclingkette zu entwickeln. Das ZMT ist Teil dieses ZIM-Netzwerkes.
„Ich freue mich sehr, dass unsere Studie von 2023 weiterhin Wellen schlägt. Wir konnten die Gründung eines ZIM-Netzwerkes mit kleinen und mittelständischen Unternehmen und Beratungsfirmen anstoßen, aus dem letztlich die zwei ersten Anlagen für Schiffsrecycling in Deutschland hervorgegangen sind“, so ZMT-Direktor Bleischwitz. „Das alles ging einher mit vielfältigen Gesprächen mit Medien, Unternehmen und Politik, bis hin zur Europäischen Kommission, die unsere Arbeiten explizit in ihrer Evaluierung der Schiffsrecycling-Verordnung würdigt. Das ZMT beweist damit erneut seine Exzellenz in der Forschung mit gesellschaftlicher Wirkung. Nur gemeinsam mit Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft können wir hier und international die Herausforderungen der Zukunft meistern.“
Dass inzwischen Anlagen in Emden und Bremerhaven entstanden sind, zeigt, dass sich Schiffsrecycling zu einem neuen Geschäftsfeld für die maritime Wirtschaft in Deutschland entwickelt. Aus Sicht des ZMT ist dies zugleich ein Beispiel dafür, welche Rolle Meeresforschung über die Wissenschaft hinaus spielen kann: Zukunftsthemen frühzeitig identifizieren, Akteure zusammenbringen und wissenschaftliches Know-How für gesellschaftliche Transformationsprozesse nutzbar machen.
Auch die regulatorischen Rahmenbedingungen verändern sich. Im Juni 2025 trat die Hongkong-Konvention für sicheres und umweltgerechtes Schiffsrecycling in Kraft. Parallel schreibt die EU-Schiffsrecycling-Verordnung vor, dass ausgediente Schiffe unter EU-Flagge in zugelassenen Anlagen der europäischen Liste recycelt werden müssen. Die Europäische Kommission kam in ihrer Evaluierung 2025 zu dem Ergebnis, dass die Verordnung noch Lücken hat, unter anderem das Umflaggen von Schiffen kurz vor ihrer Verschrottung, und bezieht sich in ihren Potenzialen auf die ZMT Studie.
Für Bremen und Bremerhaven eröffnet umweltgerechtes Schiffsrecycling damit gleich mehrere Perspektiven: neue maritime Wertschöpfung und Beschäftigung, Innovationen in der Recyclingtechnologie, wertvolle Sekundärrohstoffe für eine klimafreundlichere Stahlproduktion – und einen Beitrag zur Verbesserung von Umwelt- und Arbeitsstandards in einer globalen Industrie.
