Schädliche Algenblüten in Peru: Wer trägt die Folgen?
Algenblüten können schwerwiegende Folgen für Natur und Wirtschaft haben. Sie entstehen, wenn sich mikroskopisch kleine Algen oder Cyanobakterien unter bestimmten Umweltbedingungen stark vermehren. In großer Zahl können sie das Wasser grün, braun oder rot verfärben, manche Arten setzen zudem Giftstoffe frei. Sterben die Organismen ab, werden sie von Bakterien zersetzt, die dabei Sauerstoff verbrauchen. Der entstehende Sauerstoffmangel kann für Fische, Muscheln und andere Meereslebewesen tödlich sein.
Wie sich Algenblüten auf die Jakobsmuschelzucht und die Küstenfischerei in Peru auswirken, haben Jelto Makris, Doktorand am Institut für Nachhaltigkeitssteuerung (INSUGO) der Leuphana Universität Lüneburg, und Michael Kriegl, Sozialökologe in der Arbeitsgruppe Transformation durch Transdisziplinarität am Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung (ZMT), gemeinsam mit einem internationalen Forschungsteam untersucht. Im Interview berichten sie über ihre Ergebnisse.
Warum habt Ihr die Auswirkungen von Algenblüten gerade in Peru untersucht?
Aus Erzählungen von Fischern in Peru erfuhren wir, dass Algenblüten ein großes Problem für die dortige Aquakultur und Fischerei sind. Da peruanische Küstengemeinschaften in vielen Fällen stark abhängig von Meeresressourcen sind, können Algenblüten zu einer großen sozioökonomischen Herausforderung werden. Bisherige Studien in Peru untersuchten jedoch vor allem die ökologischen Ursachen von Algenblüten und ihre Auswirkungen auf Meeresorganismen. Eine Studie, die ihre sozialen, wirtschaftlichen und politischen Folgen aus der Perspektive unterschiedlicher Küstenakteure untersucht, gab es bisher noch nicht. Deswegen wollten wir herausfinden, wie die Menschen vor Ort die Ursachen und Auswirkungen von Algenblüten wahrnehmen, wie unterschiedliche Gruppen damit umgehen und welche Lösungsansätze, Möglichkeiten und Hindernisse für die Anpassung bestehen.
Wie seid Ihr bei der Untersuchung vorgegangen?
Wir führten 17 partizipative Workshops entlang der Küste von Peru mit Beteiligten aus Fischerei, Aquakultur, Behörden und Wissenschaft durch. Im Mittelpunkt standen die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Folgen schädlicher Algenblüten in den Buchten Sechura (im Norden Perus) und Paracas (im Süden Perus) sowie Möglichkeiten zur Anpassung. Die Beteiligten identifizierten hierfür Zusammenhänge zwischen Ursachen, Auswirkungen und Anpassungsmaßnahmen. Aus diesen Wirkungsnetzen entwickelten wir Modelle, mit denen wir mögliche Folgen und die Auswirkungen verschiedener Anpassungsstrategien untersuchten. Die Modelle bilden damit das Wissen und die Einschätzungen der Beteiligten ab.
Was hat Euch bei den Ergebnissen besonders überrascht?
Wie unterschiedlich stark die einzelnen Bereiche betroffen sind. Während die Beteiligten die Auswirkungen auf Fischerei, Tourismus und Gesundheit als vergleichsweise gering einschätzten, beschrieben sie erhebliche Folgen für die Jakobsmuschelzucht. Sie berichteten von wiederkehrenden Massensterben durch akuten Sauerstoffmangel und den damit verbundenen finanziellen Verlusten.
Ein Produktionszyklus für Jakobsmuscheln dauert in Peru fast ein Jahr. Die Züchter müssen deshalb über längere Zeit finanziell in Vorleistung gehen. Zerstört eine Algenblüte die Ernte, bleiben sie auf den Kosten sitzen. Die Folgen reichen weit über die Betriebe hinaus: Arbeitsplätze in der ganzen Region gehen verloren, beispielsweise im Transportwesen, in der Verarbeitung und in der lokalen Gastronomie, die wirtschaftlich eng mit der Muschelzucht verbunden sind.
Inwiefern sahen die Befragten auch Probleme für den Export nach Europa?
Während Sauerstoffmangel zum Massensterben von Jakobsmuscheln führt, stellen Biotoxine im Zusammenhang mit Algenblüten in Peru vor allem eine regulatorische Belastung dar. Wer Jakobsmuscheln nach Europa exportiert, muss nachweisen, dass die Produkte die entsprechenden Anforderungen an die Lebensmittelsicherheit erfüllen. Trotz des funktionierenden Überwachungsprogramms belastet die Sorge vor positiven Befunden und langanhaltenden Marktschließungen die Produzenten.
Das staatliche Überwachungsprogramm schützt zwar die Endverbraucher in Europa vor Gesundheitsrisiken, doch das gilt nur bedingt vor Ort: Muscheltaucher berichten etwa von Hautreizungen während der Algenblüten. Da medizinisches Behördenpersonal laut den Beteiligten kaum über Algentoxine aufgeklärt ist, bleiben die meisten lokalen Belastungen vermutlich unentdeckt.
Wo liegen die größten Unterschiede zwischen staatlichen Maßnahmen und den Bedürfnissen vor Ort?
Überwachung und Krisenmanagement in der exportorientierten Muschelzucht drehen sich vor allem um die Lebensmittelsicherheit und die Einhaltung von Exportauflagen. Was lokale Akteure als besonders gravierend erleben, findet dagegen weniger Beachtung: das Massensterben durch Sauerstoffmangel und die wirtschaftlichen und sozialen Einbrüche, die darauffolgen.
Sind alle Küstenabschnitte und Muschelzuchtbetriebe gleichermaßen betroffen?
Nein, das Risiko ist räumlich und sozial ungleich verteilt: Oft trifft das Muschel- und Fischsterben nur bestimmte Bereiche entlang der Küste, was zu unterschiedlichen Risikowahrnehmungen führt. Hinzu kommt, dass größere Firmen mehr Möglichkeiten haben, die Folgen von Algenblüten abzufedern.
Zwar können die meisten Betriebe Erntezeiten anpassen oder Notfallernten durchführen. Im Unterschied zu Kleinproduzenten haben Großunternehmen jedoch Zugriff auf Satellitendaten, um entsprechende Bedingungen für Algenblüten frühzeitig zu erkennen, sind gut mit der Forschung vernetzt, verfügen über technologische Innovationen (z.B. Aufzuchtstationen und Hängekorbkultur) und können Verluste langfristig einkalkulieren.
Kleinere Betriebe leiden zusätzlich unter logistischen Engpässen, da sie in vielen Fällen von den Verarbeitungs- und Kühlkapazitäten der Großunternehmen abhängig sind. Da ihnen zudem der Zugang zu formellen Bankkrediten fehlt, müssen Kleinunternehmer nach einer Krise oft private Vermögenswerte wie Autos oder Häuser verkaufen, um den Neustart zu finanzieren.
Was erschwert den Umgang mit Algenblüten vor Ort?
Eine zentrale Hürde ist die ungleiche Verteilung von Wissen. Fischer, Muschelproduzenten, Forschende und lokale Meeresbehörden hatten fundiertes Wissen über Algenblüten. Außerhalb dieses Kreises jedoch wussten selbst Gemeinde- und Gesundheitsbehörden nur wenig darüber. Damit bestätigen unsere Ergebnisse die Resultate aus anderen Fallstudien, die ihrerseits fordern, das Bewusstsein für Algenblüten zu stärken, insbesondere im Gesundheitswesen, im Tourismus und bei der Küstenbevölkerung.
Hinzu kommen politische Hürden. Unter den Beteiligten blieb umstritten, was überhaupt als Algenblüte gilt, worauf das Muschel- und Fischsterben zurückgeht und welche Anpassungsmaßnahmen gut funktionieren und realistisch sind. Ob Algenblüten als Naturereignis, als Folge von Verschmutzung oder als beides gelten, entscheidet darüber, wer die Kosten tragen soll und welche Lösungen als legitim gelten.
In Paracas etwa ist diese Frage eng mit dem langjährigen Konflikt um die Abwässer der Fischmehlindustrie verknüpft. In Sechura geht es eher darum, wie sich die Behörden und Produzenten die Überwachung und die Krisenreaktion aufteilen. Zwischen Behörden und lokalen Ressourcennutzern bestanden in beiden Fällen deutliche Spannungen. Klarere Kommunikation und Aufklärung durch die Behörden sowie mehr Mitsprache der Betroffenen könnten helfen, Vertrauen aufzubauen. Das Management von Algenblüten ist deshalb kein rein technisches Problem, sondern Teil tiefer liegender Umweltkonflikte.
Welche Maßnahmen halten die Beteiligten für besonders wichtig?
In den Workshops kamen insgesamt 38 Anpassungsstrategien zusammen – von Notfallernten und angepassten Erntezeiten über Hängekorbkulturen bis hin zu zusätzlichen Einkommensquellen. Dabei wurde auch deutlich, was ihre Umsetzung erleichtert oder erschwert.
Über alle Gruppen hinweg gab es zwei Prioritäten: ein Frühwarnsystem einzuführen und die bestehende Überwachung zu stärken. Ebenso wichtig ist eine bessere Aufklärung über die Risiken, insbesondere im Gesundheitswesen und im Tourismus. Und schließlich ist es essentiell, die Ungleichheiten zu verringern, die sich in den Auswirkungen und im Umgang mit Algenblüten zeigen. Die Erkenntnisse über diese Ungleichheiten können dabei helfen, wirksamere und gerechtere Antworten auf Algenblüten zu finden.
Was bedeutet das für kleinere Betriebe und ihre Zukunft?
Neben Frühwarnung und technischen Lösungen brauchen kleinere Betriebe vor allem die wirtschaftlichen Möglichkeiten, sich anzupassen. Oft helfen soziale Netze, beispielsweise in der Familie, der Nachbarschaft oder in Produzentenverbänden, Krisen zu überstehen. Viele Betroffene wünschen sich darüber hinaus staatliche Unterstützung beim Aufbau zusätzlicher Einkommensquellen. Für sie stellt sich die Frage, welche Maßnahmen sinnvoll sind, aber auch, wie sie diese finanzieren können.
Dabei befindet sich die Muschelzucht in einem grundlegenden Wandel. Exportanforderungen und Gesetzesänderungen treiben Formalisierung und Privatisierung voran, während sich Nutzungsrechte zunehmend bei wenigen Akteuren konzentrieren. Kleinbetriebe kämpfen mit den Kosten für Kühlung, Zertifizierung und Monitoring. Algenblüten verstärken diesen wirtschaftlichen Druck: Nach einer Krise schließen manche kleinen Zuchtbetriebe Verträge mit größeren Firmen, um im Geschäft bleiben zu können. Das kann ihr wirtschaftliches Überleben sichern, schafft aber auch neue Abhängigkeiten.
Was ist das wichtigste Fazit der Studie – auch über Peru hinaus?
Schädliche Algenblüten haben weitreichende soziale, wirtschaftliche und politische Folgen. Die Ergebnisse aus Sechura und Paracas werfen deshalb Fragen auf, die auch andernorts relevant sind: Wer trägt die Folgen, wer kann sich schützen und wer trägt Verantwortung? Auch in Deutschland haben das Fischsterben an der Oder und die Blaualgen-Teppiche in der Ostsee gezeigt, dass Algenblüten weit mehr als ein ökologisches Problem sind. Es geht um wirtschaftliche und politische Auswirkungen und um das Vertrauen in die Behörden. Wer künftig besser mit Algenblüten umgehen will, braucht deshalb gute Messdaten und Frühwarnsysteme, aber auch einen Blick dafür, wen Algenblüten am härtesten treffen und wer die Mittel hat, sich effektiv anzupassen. Diese Aspekte gewinnen zusätzlich an Bedeutung, wenn durch den voranschreitenden Klimawandel und eine intensivere Nutzung von Küstengebieten Algenblüten weiter zunehmen und sich ihre Folgen verschärfen.
Wie geht es mit der Forschung zu Algenblüten weiter?
Derzeit sind keine konkreten Folgestudien in Peru geplant. Möglich ist jedoch, dass wir im Rahmen von TropEcS, dem Modellierungsschwerpunkt des ZMT, eine ergänzende Studie zu Algenblüten in Costa Rica aufsetzen.
Publikation
Makris J, Cuellar-Martinez T, Aguirre-Velarde A, Schlüter A and Kriegl M (2026) Human dimensions of harmful algal blooms in coastal Peru: perceived impacts, adaptation, and governance challenges. Front. Mar. Sci. 13:1844411. doi: 10.3389/fmars.2026.1844411
